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  1. Frauen und Mädchen! Intervention vor dem Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, Wien

    Frauen und Mädchen! Intervention vor dem Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, Wien

    Frauen und Mädchen! Intervention vor dem Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, Wien

    Frauen und Mädchen! Intervention vor dem Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, Wien

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      Frauen und Mädchen! Intervention vor dem Palais Niederösterreich, Herrengasse 13, Wien

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    Gudrun Ratzinger

    Ein flüchtiges Monument: Tatiana Lecomte, Frauen und Mädchen! (17. September bis 17. November 2018)

     

    „Es ist billig, daß allen weiblichen Untertanen zugestanden werde, daß sie vollkommen gleiche Rechte mit der männlichen Einwohnerschaft behaupten, daß sie sowohl bei der Wahl der Abgeordneten zu dem Reichstage und sonstigen Volksvertretungen ihre Stimmen abgeben, und selbst als Abgeordnete gewählt werden können. Die Bittstellerinnen basieren ihr Begehren ganz auf dieselben Grundsätze, nach welchen es den Männern zusteht, und sind nur so frei zu bemerken, daß eine Sache, die Alle angeht, auch von Allen gut geheißen werden muß […].“[1]

    „Der allgemeine österreichische Frauenverein veranstaltete […] einen Tag nach der Proklamierung Deutschösterreichs als Republik, seine erste politische Versammlung. Frau Pauli führte […] aus, wie die Idee des Selbstbestimmungsrechtes der Frau seit den Tagen der französischen Revolution die Entwicklung der modernen Gesellschaft beeinflußt hat […] [und] forderte die Frauen auf sich in Organisationen zusammenzufinden, um gegen Reaktion und Terror, die größten Feinde der Frauenfreiheit, vereint und schlagkräftig vorgehen zu können.“[2]

    Tatiana Lecomte wählte diese beiden Textstellen und fünfzig weitere Nachrichten für eine Intervention im öffentlichen Raum aus. Mit Frauen und Mädchen! erinnerte sie im Herbst 2018 an diejenigen, die zwischen 1848 und 1918 ihre Stimme für Frauenemanzipation erhoben haben. Das erste Zitat stammt aus einer Flugschrift aus dem Jahr 1848, in der erstmals Frauen in Österreich öffentlich für ihr aktives und passives Wahlrecht eintraten. In dieser Petition an den Kaiser betonen die Autorinnen, dass es keinen vernünftigen Grund für den Ausschluss von Frauen aus der Politik gibt: Denn Frauen besitzen „einen Kopf, der denkt und ein politisches richtiges Urtheil fällen kann – und eine Zunge, die vernünftig redet“[3]. Das zweite Zitat ist einem Artikel entnommen, der über eine der ersten, nun offiziell erlaubten Veranstaltungen zur politischen Organisation von Frauen berichtete, wenige Tage nachdem das „allgemeine, gleiche, direkte und geheime Stimmrecht aller Staatsbürger ohne Unterschied des Geschlechts“ in Österreich verabschiedet worden war.

    Diese zwei Zitate markieren siebzig Jahre im Kampf für Frauenrechte in Österreich: siebzig Jahre, in denen Frauen sich nicht in Vereinen zusammenschließen durften, um für ihre politische Teilhabe einzutreten; siebzig Jahre, in denen sie trotzdem Wege fanden, gemeinsam ihre Anliegen voranzutreiben. Die meist anonymen Zitate wurden zwischen 17. September und 17. November 2018 als Flugblätter vor dem Palais Niederösterreich in Wien verteilt, vor jenem Gebäude also, das Schauplatz bedeutender Ereignisse sowohl der Revolution von 1848 als auch der Gründung der Republik (Deutsch-)Österreich war. Zusätzlich erinnerten wöchentlich wechselnde Fahnen an österreichische Verfechterinnen für Frauengleichstellung.

    Die Künstlerin greift mit dieser Intervention in die offizielle Erinnerungspolitik im öffentlichen Raum ein. Nicht einmal zehn frei stehende Denkmäler von historisch verbürgten Frauen gibt es in Wien. Diese wurden während etwas mehr als 200 Jahren errichtet, durchschnittlich etwa alle 26 Jahre eines.[4] Man könnte anmerken, dass das nicht weiter schlimm sei, denn, so das bekannte Diktum von Robert Musil, „das Auffallendste an Denkmälern ist nämlich, daß man sie nicht bemerkt. Es gibt nichts auf der Welt, was so unsichtbar wäre wie Denkmäler.“[5] Doch natürlich gibt es viel, was noch viel unsichtbarer ist – so auch der Beitrag von Frauen zu Gesellschaft, Politik, Kultur, Wissenschaft und Geschichte. Diesen Umstand erklärte 1898 die Zeitschrift Frauen-Werke in einer von Lecomte verwendeten Stelle folgendermaßen: „Den Frauen wird der Erfolg so schwer gemacht wie nur möglich, und ist er doch unaufhaltsam gekommen, [dann wird] darüber nur recht schnell zur Tagesordnung übergegangen [...]. Dem Schriftsteller, der Erfolg hat, hingegen machen seine Freunde so viel Reklamelärm, bis sein Name von allen Teilen des Landes widerhallt.“[6]

    Tatiana Lecomte macht Frauen und deren Kampf für Gleichberechtigung sichtbar, ohne diesen Frauen ein herkömmliches Denkmal zu setzen. Den auf das Überdauern angelegten Monumenten setzt sie die ephemere Qualität ihres Projekts entgegen: Mit der Form des Flugblatts greift sie mediale Strategien auf, die schon 1848 genutzt wurden, um für revolutionäre Anliegen zu werben. Statt das Gedenken an einem einzelnen Punkt in der Stadt zu bündeln, streut sie Texte aus der Vergangenheit in alle Richtungen. Und anstatt an eine große Frau zu erinnern, verweist sie auf die Bestrebungen von unzähligen Frauen, darunter auch viele, von denen wir nicht einmal den Namen kennen.

    Die zu Beginn zitierten Textstellen legen eine Geschichte der Emanzipation nahe, die einen roten Faden hat – einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Happy End. Doch obwohl die Texte in chronologischer Reihenfolge verteilt wurden, sind sie nicht darauf angelegt, eine lineare Geschichte zu erzählen. Vielmehr kommen viele verschiedene Stimmen zu Wort, und unterschiedliche Interessen treten zutage: etwa die von Vertreterinnen der Arbeiterbewegung und von Grundbesitzerinnen, von Lehrerinnen und Künstlerinnen oder auch die von Leiterinnen katholischer sowie jüdischer Wohltätigkeitsvereine. Zusätzlich äußern sich auch Männer – solche, die Frauen unterstützten, und solche, die den Status quo beibehalten wollten.

    Das unkommentierte Nebeneinander einzelner Textfragmente entspricht dabei dem Prinzip der Montage. Damit wendet die Künstlerin eine formale Strategie für schriftliche Fundstücke an, die sie in den letzten Jahren für gefundene Fotografien verwendet hat, um rassistische Bildpolitiken zu analysieren oder die Darstellbarkeit historischen Geschehens mittels Fotografien zu hinterfragen. Für Walter Benjamin diente die Montage als Modell für eine andere Form des Schreibens. Zu seinem Passagen-Werk, das nur aus Zitaten bestehen sollte, meinte er: „Methode dieser Arbeit: literarische Montage. Ich habe nichts zu sagen. Nur zu zeigen.“[7] In der Sprachwissenschaft wird das Zeigen mit der Position der Sprecherin oder des Sprechers in Verbindung gesetzt. „Zeigen“ hat daher – anders als das „Sagen“ – auch eine räumliche Dimension: Es geht buchstäblich um Positionen. Diese standortbezogene Dimension des Zeigens entspricht einem räumlichen Aufschreibsystem, das Benjamin mit einem Zettelkasten verglichen hat: „Und heute schon ist das Buch, wie die aktuelle wissenschaftliche Produktionsweise lehrt, eine veraltete Vermittlung zwischen zwei verschiedenen Kartothekssystemen. Denn alles Wesentliche findet sich im Zettelkasten des Forschers, der’s verfaßte, und der Gelehrte, der darin studiert, assimiliert es seiner eigenen Kartothek.“[8]

    Knapp hundert Jahre nach Benjamins Beobachtung hat sich das bewegliche und unhierarchische Nebeneinander einzelner Texte mit der allgegenwärtigen Durchsetzung des Internets potenziert. Die für Frauen und Mädchen! verwendeten Textstellen verdanken sich einem Eintauchen in Bibliotheken. Doch anders als noch vor wenigen Jahren bedeutet dieses Eintauchen nicht mehr das Wälzen schwerer Bände mit den gesammelten Jahrgängen von Zeitungen und Zeitschriften, sondern kann mittels Volltextsuche von überall her erfolgen. Indem die Künstlerin die von ihr ausgewählten Textstellen als Flugblätter drucken lässt, gibt sie diesen Splittern vergangener Debatten eine neue Form und trotz aller Flüchtigkeit einen materiellen Körper.

    Sie gibt uns einzelne Nachrichten aus der Vergangenheit zu lesen, ohne sie vom heutigen Standpunkt aus ihrer Bedeutung nach zu gewichten. Dieser konsequente Fokus auf die zeitliche Perspektive der damaligen Akteurinnen und Akteure unterscheidet Lecomtes Herangehensweise von üblichen Formen der Geschichtsschreibung. So wie wir nicht wissen können, was in einem Jahr passieren wird, welche Ideen sich durchsetzen und welche Personen an Einfluss verlieren werden, so finden sich auch auf den Flugblättern Einschätzungen zur Zukunft, die sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben. Damit zeigen diese Textstellen etwas, was in der Beschäftigung mit Geschichte ganz offensichtlich ist, aber oft unterschlagen wird: Die konkreten Folgen bestimmter Ereignisse sind in der jeweiligen Gegenwart nicht absehbar, und es hätte zu jedem Zeitpunkt auch ganz anders kommen können. Die Künstlerin verzichtet mit der Streuung von Textfragmenten aus der Vergangenheit also darauf, die Rolle einer Historikerin oder einer wissenden Erzählerin einzunehmen. Vielmehr gibt sie uns Einblick in eine vergangene Gegenwart, die ebenso undurchsichtig ist wie unsere eigene.

    Den formalen Strategien der räumlichen Zerstreuung der Texte mittels Flugblättern, der Wiedergabe einer Vielzahl an Stimmen und dem Fehlen einer nachträglichen Perspektivierung des Vergangenen entspricht eine Rezeption, die das Werk nie als Ganzes wahrnimmt: Kaum eine Person wird alle Flugblätter ausgehändigt bekommen, und nur wenige werden sämtliche der wechselnden Fahnen sehen. Die Rezeption des Werks muss folglich bruchstückhaft bleiben. Somit sind die Beziehungen, die zwischen den einzelnen Elementen hergestellt werden können, immer von Person zu Person unterschiedlich, abhängig von dem, was gerade vorliegt. Diese Aspekte machen es möglich, diese Intervention als eine Art Monument zu begreifen – allerdings nicht im Sinne Musils. In der Archäologie des Wissens schreibt Michel Foucault: „Sie [die Archäologie] behandelt den Diskurs nicht als Dokument, als Zeichen für etwas, als Element, das transparent sein müsste, aber dessen lästige Undurchsichtigkeit man oft durchqueren muss, um schließlich dort, wo sie zurückgehalten wird, die Tiefe des Wesentlichen zu erreichen; sie wendet sich an den Diskurs in seinem eigenen Volumen als Monument.“[9]

    Wie Knut Ebeling betont, liegt der Unterschied zwischen Dokument und Monument weniger in der Beschaffenheit des historischen Materials, sondern vielmehr in der Art, wie es befragt wird: „Ein archäologisches Monument oder Fundstück steht erst einmal fremd und fragwürdig vor uns und verrät uns seine Bedeutung nicht sofort – wir wissen nicht, was es repräsentiert.“[10] Analog dazu sind die einzelnen Flugblätter und Fahnen der Intervention Frauen und Mädchen! nicht Elemente einer Geschichte, sondern stehen als Momentaufnahmen vergangener Debatten jeweils für sich. Als solche ermöglichen sie nicht, aus ihnen eine historische Entwicklung herauszulesen. Vielmehr werden mit den Flugblättern vergangene Phänomene punktuell und abrupt ins Heute katapultiert. Gleichzeitig werden diejenigen Strategien und Mechanismen offensichtlich, die dazu beitragen, Frauen die Gleichberechtigung in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu verwehren. Zwischen 1848 und 1918 waren die Autorinnen und Autoren gezwungen, immer wieder das Offensichtliche auszusprechen: dass Bildung allen gleichermaßen offenstehen soll, dass Arbeit und Familie einander nicht ausschließen und dass Frauen für ihre Arbeit einen angemessenen Lohn erhalten sollen. Diese Forderungen haben nichts an Aktualität eingebüßt. Deshalb soll noch einmal Berta Pauli zu Wort kommen, die nur wenige Tage, nachdem Frauen das Wahlrecht errungen hatten, Frauen aufforderte, „sich in Organisationen zusammenzufinden, um gegen Reaktion und Terror, die größten Feinde der Frauenfreiheit, vereint und schlagkräftig vorgehen zu können“[11]

     

    1 Gleichstellung aller Rechte der Männer mit den Frauen, Flugblatt, Wien 1848.

    2 Erste politische Versammlung des AÖFV, in: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Wien: Dezember 1918.

    3 Gleichstellung aller Rechte der Männer mit den Frauen, Flugblatt, Wien 1848.

    4 Es gibt derzeit acht frei stehende Denkmäler im öffentlichen Raum, die konkrete Frauen repräsentieren, sechs davon wurden nach 1918 errichtet.

    5 Robert Musil, Nachlaß zu Lebzeiten, 1936 (http://gutenberg.spiegel.de/buch/-6941/3; aufgerufen am 20. 1. 2019).

    6 Zum Kapitel der Vorurteile, in: Frauen-Werke. Österreichische Zeitschrift zur Förderung und Vertretung der Frauenbestrebungen, Korneuburg: Nr. 4/1898.

    7 Walter Benjamin, Das Passagen-Werk, Erster Band, Frankfurt/M. 1983, S. 574.

    8 Walter Benjamin, Einbahnstraße, Berlin 1928, S. 29.

    9 Michel Foucault, Archäologie des Wissens, Frankfurt/M. 2000, S. 198.

    10 Knut Ebeling, Wilde Archäologien II, Berlin 2016, S. 383.

    11 Erste politische Versammlung des AÖFV, in: Zeitschrift für Frauen-Stimmrecht, Wien: Dezember 1918.